Leseprobe aus …

 

Portal zur anderen Welt … Kapitel 10 – Der Fremde

 

Marvin und Alicia betraten das Schlafzimmer. Der große, schmuckvolle Spiegel an der Wand reflektierte das Mondlicht und ließ den Raum in einem gleißenden Licht erstrahlen. Die beiden Geschwister gingen Hand in Hand direkt auf den Spiegel zu. Sie berührten mit ihren freien Händen das Spiegelglas. Zu ihrer Verwunderung gab das Glas nach und ließ sie durchgreifen. Auf der anderen Seite gab es keinen Widerstand. Sie schritten weiter auf den Spiegel zu, bis ihrer beiden Nasenspitzen den Spiegel berührten. Sie tauchten ihre Körper ein und von jetzt auf gleich betraten sie eine andere Welt. Hier standen sie nun auf einer Wiese am Waldesrand. Ein Bach rauschte in unmittelbarer Nähe. Marvin sah begeistert seine Schwester an. »Ich fasse es nicht! Wir sind in der Welt, die auf der Wand gemalt ist.« Er ging zügigen Schrittes in den Wald hinein, immer dem lauter werdenden rauschenden Bach entgegen und Alicia folgte ihm. Der Weg war steinig und holprig. Sie mussten aufpassen. Sie konnten sich keinen Fehltritt leisten. Außerdem wollten sie so schnell wie möglich die Hütte erreichen. Im Wald war es stockfinster. Nur das Licht der Sterne zeigte ihnen den Weg und auf dem konnten ihnen vielerlei Gefahren begegnen, wie zum Beispiel wilde Tiere. Marvin dachte an den Uhu, als in diesem Augenblick etwas haarscharf über seinen Kopf hinwegflog. Geistesgegenwärtig duckte er sich und riss Alicia mit sich runter in die Hocke. »Danke!«, flüsterte sie erleichtert. »Gern geschehen. Ohne dich bin ich nicht vollständig, wie du weißt.« Alicia lächelte gequält.

 

Endlich waren sie an der Hütte angekommen, in der ein klägliches Licht schien. Es flackerte ein wenig. Zaghaft klopfte Marvin an. Es tat sich nichts. Erst beim dritten Mal, als er energischer mit der Faust gegen die Holztür schlug, tat sie sich wie von Geisterhand auf. Sie knarrte und Marvin lugte durch den Türspalt ins Innere. Er blickte direkt auf einen Kamin, in dem ein kleines Feuer loderte. Alicia, direkt hinter ihm, sah ihm über die Schulter. »Oh, wie hübsch und gemütlich es hier ist.« Sie drängte sich an Marvin vorbei und betrat ungefragt die Hütte. Marvin hatte keine andere Wahl als ihr zu folgen. Er sah sich um. Zu seiner Linken standen ein Tisch und zwei Stühle und zu seiner Rechten ein einfaches Bett, das sehr einladend aussah. Der Kamin stand mittig an der Wand gegenüber vom Eingang und bildete das Herzstück der Hütte. Alles in allem war es sehr einfach und doch gemütlich gehalten. Alicia und Marvin sahen sich fragend an. Es war niemand zuhause. Im nächsten Moment ging die Tür weit auf und ein Fremder betrat die Hütte. Er war groß, blond und im mittleren Alter. Er ging langsam auf sie zu. »Oh! Wie schön. Ich habe Besuch.« Marvin kannte den Fremden nicht. Er schien freundlich zu sein. »Setzt euch! Möchtet ihr Tee? Ich habe frische Kräuter im Haus.« Er ging zum Schrank hinüber, öffnete ihn und gab so den Blick auf den Inhalt frei. Darin waren einige Regalböden, auf denen Kräuter lagen und ein großes, dickes Buch. Der Fremde holte ein paar Kräuter heraus, schloss den Schrank, ging zum Kamin hinüber und warf die Kräuter in dem mit Wasser gefüllten Kessel über dem Feuer. »Woher kommt denn plötzlich der Kessel her?«, fragte Alicia flüsternd ihren Bruder. »Ich habe keinen Schimmer«, flüsterte dieser zurück. Kurz darauf nahm der Fremde zwei Tassen vom Kaminsims, füllte sie mit Tee und reichte sie den beiden Geschwistern. »Ich habe sonst nie Besuch«, erklärte er freudestrahlend, »es ist hier sehr einsam.« Alicia bedauerte den sympathischen Mann. »Das glaube ich gerne. Hier sagen sich wirklich Fuchs und Hase gute Nacht.« Der Fremde lachte auf. »Das stimmt. Die Tiere sind meine einzige Gesellschaft.« Marvin spürte die Trauer in seiner Stimme und nicht nur das. Etwas darin klang so vertraut. »Was macht ihr hier in meiner Welt?« »Wir wissen es nicht. Möglicherweise hängt es mit dem Haus zusammen. Es hat etwas Magisches an sich.« Alicia trat ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein und sah ihn dabei strafend an. »Was denn?«, gab er verärgert zurück. »Dein Bruder hat recht. Es hängt mit dem Haus zusammen. Es entfesselt die Magie, die ihr beide im Blut habt.« Nun hatte der Fremde die volle Aufmerksamkeit der beiden Geschwister auf sich gelenkt. »Kennen Sie uns? Und woher wissen Sie das mit dem Haus?« »Sagen wir, dass mir hier in dieser Welt nichts verborgen bleibt.« Der Fremde schmunzelte und Marvin musterte ihn eindringlich. »Und, schmeckt euch der Tee?« Alicia sah in ihre dampfende Tasse hinein. »Das ist ja witzig. Die Kräuter drehen sich mal links und mal rechts herum.« Marvin schaute ebenfalls in seine Tasse. »Und nicht nur das! Sie bilden Tiere. Soweit ich es erkennen kann einen Drachen, einen Fuchs und einen Löwen.« Verstört blickte er zu Alicia, deren Augen vor Begeisterung funkelten. »Und aus meinen werden ein Einhorn, eine Eule und ein komischer Vogel. Sieht aus wie ein Phönix.« Der Fremde trat näher und warf einen Blick in die Tassen. »Ganz recht. Der Drache steht für Macht und Schutz, der Fuchs für Schläue und Gerissenheit, der Löwe für Kraft und ebenfalls Schutz. Du hast da sehr starke Symbole, die deinem Wesen entsprechen, Marvin.« Zufrieden legte er seine Hand auf Marvins Schulter. »Und nun zu dir, junges Fräulein. Das Einhorn bedeutet Glück, Frieden und Güte, die Eule steht für Weisheit und der Phönix für die Wiedergeburt und ebenfalls Glück. Das sind alles wunderbare Eigenschaften, die ihr für euer Leben und bald in naher Zukunft brauchen werdet.« Marvin sah skeptisch zum Fremden auf. »Was meinen Sie damit? Kennen Sie unsere Zukunft denn?« Der Fremde legte erneut seine Hand auf Marvins Schulter. Eine unbekannte Energie durchströmte ihn, die seine Bedenken wie durch Zauberei verschwinden ließen. »Trinkt euren Tee. Dann werdet ihr sehen und verstehen.« Als Marvin seine Tasse mit nur wenigen Schlucken leerte und sichtlich erleichtert wirkte, tat Alicia es ihm gleich. Der Tee war vorzüglich und hatte eine sehr leichte erfrischende Note. Sie schmeckte eindeutig Pfefferminz heraus. Sie fühlte sich so leicht. Sie stand auf, ging zum Kamin hinüber und betrachtete das lodernde Feuer. Es leuchtete kräftiger und das Knistern war deutlicher zu hören als vorher. Marvin stellte sich zu ihr. Alicia drehte sich zu ihm um. »Lass uns nach draußen gehen. Ich will wissen, was sich sonst alles verändert hat.« »Ja, geht nur. Es kann euch nichts passieren«, erklärte der Fremde …